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Stress auf dem DorfStress auf dem Dorf

Bei der Analyse ihrer kopfschmerzauslösenden bzw. –begünstigenden Faktoren sparen manche Patienten den Punkt „Stress“ total aus, obwohl gerade dieser Bereich für Außenstehende besonders hervorzustechen scheint. Auffallend häufig trifft dies bei uns auf Frauen aus dem ländlichen Bereich zu.

  • Eine junge Frau mit 2 kleinen Kindern (2 u. 4J alt) trägt morgens, bevor sie ihren Mann um 05:30 Uhr zur Arbeit geleitet noch schnell die Zeitung aus. Sie ist bis 19:00 Uhr mit den Kindern alleine und oft auch über Nacht. Ihre Eltern, die die Kinder beaufsichtigen könnten, wohnen 200 Km entfernt. Urlaub gibt es seit 3 Jahren nicht mehr. Stress aber hat sie keinen. – Der Mann arbeitet ja schließlich noch mehr.
  • Eine andere Frau muss seit 20 Jahren um ihre Position im Haushalt mit der Schwiegermutter konkurrieren, die 5 Mal am Tag unangemeldet durch Küche und Schlafzimmer tapert. Als gut erzogenes Kind hat sie gelernt, den Älteren mit Achtung und Ehrfurcht zu begegnen und natürlich ist auch der zunehmenden Pflegebedürftigkeit der alten Dame Rechnung zu tragen. Stress wird erst nach intensivem Nachfragen zugegeben. Dann aber heftig, mit Tränen in den Augen.
  • Als Hausfrau auf dem Dorf hat man scheinbar keinen Stress zu haben. Beklagt man sich, wird in der Nachbarschaft oft gnadenlos gelästert: „Das Mädchen packt das wohl nicht – 2 Kinder und das bisschen Hausarbeit.“

Die wichtigen unterstützenden nachbarschaftlichen Strukturen gewähren eine soziale Geborgenheit, jedoch oft genug nur, solange die Sozialnormen nicht in Zweifel gezogen werden. Stress in der Familie hier zum Thema machen zu dürfen ist noch längst nicht selbstverständlich und gerade für diese Frauen kann z.B. die Unterstützung in einer psychosomatisch / verhaltens- therapeutisch ausgerichteten Einrichtung oder auch der Austausch in einer Migräneselbsthilfegruppe eine maßgebliche Hilfe sein. Ich möchte diese Behandlungsoptionen als zuweisender Arzt für die Behandlung etlicher Migränepatienten jedenfalls nicht missen. Deshalb werte ich die von manchen Fachleuten gestellte Forderung: „Die Behandlung von Migränepatienten gehört prinzipiell in die Hand von Neurologen, denn Migräne ist eine organische Erkrankung“ auch als deutliche Einschränkung der therapeutischen Möglichkeiten.